Unsere Herren: Das Jahr im Rückblick

Der blau-weiße Herrenbereich erlebte ein hochinteressantes Jahr 2025. Zuvorderst kommen einem im Rückblick auf das ablaufende Jahr naturgemäß zunächst die guten Momente in den Sinn. Da wäre wohl allen voran der Nordsachsenliga-Heimsieg im Spitzenspiel gegen Krostitz, seines Zeichens Landesklasse-Absteiger, und damit verbunden das Erklimmen der Tabellenspitze im ausgehenden Sommer dieses Jahres zu nennen. Im selben Atemzug denkt man am Fuße der Hubertusburg gerne zurück an den 4:1-Derbysieg über Dahlen, das spektakuläre 5:0 in Beilrode, die Auferstehung in der ersten Hälfte des Rückspiels gegen Zschortau oder den Last-Minute-Griesi-Treffer gegen Naundorf.

Hangelt man sich weiter an den Ergebnissen entlang, ist man zwangsläufig allerdings auch recht zügig bei den großen Enttäuschungen der letzten zwölf Monate. Der Einzug ins Pokalhalbfinale fühlte sich bis ins Frühjahr traumhaft an, wurde dann in Torgau zu Ostern allerdings zum 5:0-Albtraum. Im Derby-Rückspiel gegen die Sackhüpfer-Stadt setzte es in der Nachspielzeit den K. o. für Luppa-Süd, und auch in Glesien musste man in der ersten Jahreshälfte eine empfindliche Niederlage hinnehmen. Dazu kommen in jüngerer Vergangenheit ein Totalausfall in Schenkenberg – und so liest sich diese Bilanz bisher doch eher durchwachsen bis anklagend als würdigend und stolz. Ein Eindruck, den es in der Folge einzuordnen gilt. Was bleibt also von diesem Jahr?

Was das anbetrifft, so sind es nicht die Ergebnisse, die ausschlaggebend für die blau-weiße Gefühlslage zu 2025 sind. Im Inneren des Herrenbereichs stellten sich alle auf taffe Wochen ein, in denen es mehr um die Entwicklung gleich zweier Mannschaften bei nach wie vor eng genähter Personallage ging als um eine konkrete Punkteausbeute. Und so sind es die teils nicht direkt offensichtlichen Geschichten, die dafür sorgen, dass man sich beim FSV erst beim vereinsinternen Weihnachtsmarkt und dann bei der hauseigenen Weihnachtsfeier beseelt in den Armen lag. Ein paar Beispiele gefällig?

Wo andernorts vom selben Spirit nur geredet wird, macht es Blau-Weiß einfach. Während die Beckebande bisweilen blutjung daherkommt, sind es in der Spielgemeinschaft immer wieder auch die erfahrenen Recken, die für Furore sorgen. Dank einer neu etablierten Mannschaftskultur und über das Jahr geschöpfter eigener Identität übt die Zweite mit Trainer Marius Lüderßen mittlerweile eine ganz eigene Anziehungskraft aus, die Oldies wie Spieler der Ersten teils freiwillig um Einsätze bitten lässt. So präsentiert man sich zwar weiter Woche für Woche mit unterschiedlichem Personal, ist dabei aber trotz mehrerer langfristiger Ausfälle von Stammkräften wie Lochi oder den Schmidtis oft auf Augenhöhe – und das sogar in den Derbys gegen Mügeln/Ablaß oder Oschatz.

Die besonderen Herausforderungen an die Reserve in der Kreisliga werden sich auch in den kommenden Jahren kaum auflösen lassen, aber im Vergleich zu vergangenen Zeiten blüht die SpG heller denn je, weil egal ob alt oder jung alle an einem Strang ziehen und sich am größeren Ganzen orientieren. So wird man in der Rückrunde seine Rolle in der Platzierungsrunde spielen können. Derselbe Spirit lebt nicht nur – er trägt sogar Früchte.

„Gemeinsam“ ist auch das Stichwort einer weiteren, das Jahr prägenden Entwicklung. Mit Denny Beckedahl übernimmt zur auslaufenden Rückrunde 24/25 die blau-weiße Gallionsfigur schlechthin das Traineramt der Ersten und baut sie in den kommenden Wochen Stück für Stück zur Beckebande um. Weil jeder eine faire Chance bekommt, tummeln sich im Sommer teils knapp 30 Collmkicker auf dem FSV-Grün. Weil Becke neue Anreize setzt, steigt die Stimmung im Team nochmal. Und weil der Trainer selbst von Woche zu Woche dazulernt (und sogar Motivation für Hütchen auf dem Hartplatz findet), ist das Ende der Fahnenstange wohl noch ein paar Ösen weiter nach oben gerutscht.

Am bemerkenswertesten kommt jedoch ein Systemwechsel daher, der einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Ausgerechnet Wermsdorfs einstiger Fels in der Libero-Brandung, Verfechter des Parkens am Strafraum und Verweigerer von Pässen unter 40 Metern Reichweite und drei Metern Flughöhe, zeichnet sich als Trainer schließlich dafür verantwortlich, dass die Blau-Weißen nach Jahrzehnten des Libero-Vorstopper-Denkens – gut 20 Jahre nach der Zeit – im Fußball der Neuzeit angekommen sind. Und das noch bemerkenswerterweise nicht, weil es das Spielermaterial endlich hergibt, sondern weil man gemeinsam den Mut fasst und sich zusammen dem Umbruch verschreibt.

Ehemalige Flügelflitzer, offensive Dribbler oder Marathonläufer dürfen ganz neue Positionen bekleiden. Das geht mal sehr gut und mal mörderisch schief, was zeigt, dass hier definitiv noch viel Luft nach oben ist. Aber die Richtung ist eingeschlagen – und das kann für sich genommen bereits als Erfolg gewertet werden. Nachdem wir einen kleinen Einblick ins Strukturelle auf und neben dem Platz geworfen haben, fehlen noch die emotionalen und persönlichen Geschichten. Und bei Gott: Davon gab es in diesem Jahr reichlich. An dieser Stelle sei um Verzeihung gebeten, dass es sich im Folgenden nur um eine Auswahl handeln kann, da an der Sachsendorfer Straße in den letzten Monaten einfach zu viele Gänsehautmomente und Augen glasig machende Dinge vonstattengingen.

Da wäre Osse, der ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss an den Ort des Geschehens zurückkehrt und mit einem Treffer in Bad Düben seine Leidenszeit beendet. Jann Lingel, der vom Boxring zurück in die Fußballschuhe findet und in der Wermsdorfer Defensive zum neuen Dominik Weidner avanciert. Hans-Georg Kinder purzelt aus der Schicht im Krankenhaus auf den Rasen in Beilrode – und zum Debüttor. Dustin Auerbach trotzt dem Verletzungspech, Johannes Keller der Kritik – beide bestreiten jedes Spiel der Hinrunde. Matti Lehmann hängt sich voll rein, wird in der Zweiten zum Dauerbrenner und Kapitän und schließlich auch in der Ersten zum Offensivspektakel (und besten Scorer im Herrenbereich).

Weidi bekommt Büffelhüfte und Achillessehne wieder eingestellt, und mit Louis Hoffmann wird ein anderer glorreicher 97er nach Rückzug in die Heimat plötzlich zum Trainingsweltmeister, Maler, Führungsspieler (und zumindest phasenweise Torjäger). Jonas Schley geht wohnortmäßig zwar den umgekehrten Weg, spielt aber einfach weiter so, als wäre er nie weg gewesen. Paul Krahmer ist einfach immer da – egal ob er Minuten sieht oder nur pralle Sonne. Robbys persönliche Bilanz in Schenkenberg steht bei zwei für ihn, eins für den Schockmoment und Krankenwagen. Griesi bekommt seine eigene Position kreiert, blüht dort noch mehr auf und hadert gleichwohl weiter so herrlich verbissen mit sich selbst und der Welt, wie es kein anderer kann.

Wenn Max Wiedner nicht zum Hundefriseur muss oder mit der Feuerwehr Signalleuchten sucht, sammelt er in 90 Minuten mehr Glanzparaden als Manuel Neuer im WM-Finale.

Kein Obst schmeckt so gut wie aus Jörgs Box. Dierk zaubert mehr als einmal ein Menü auf den Tisch, bei dem Fußball wirklich zur Nebensache wird. Dank Kammi, Horbi, Sandra, Marko, Raschki und vieler weiterer emsiger Helferinnen und Helfer sowie energischer Zuschauender wird die Sachsendorfer Straße zur Festung – und sieht dabei schmucker denn je aus. Etwas, das die Hubertusburger zwar nicht immer von sich behaupten können, aber dank René gibt es davon meist schon kurz nach Abpfiff etliche Hochglanzaufnahmen zu bestaunen.

Man könnte diese Liste noch ausufernder gestalten als die Auslosung der WM-Gruppen. Was macht Robyn bitte gegen Krostitz? Kappt der Maler wirklich jedes Mal ab oder rutscht er mit seinen abgelatschten Tretern nur aus? Wie viel besser sieht Tim Kuhl eigentlich in Blau-Weiß aus? Werden Münchi, Radi, Resi, Mücke oder Böttgi & Co. jemals ein richtiges Karriereende hinlegen? Kann mir jemand sagen, was wir bitte in Doksy wieder veranstaltet haben? Wie kann man in Eilenburg fünf Nüsse gedrückt bekommen, sich in der Pause fast an die Gurgel gehen und eine Stunde nach Abpfiff trotzdem in den Armen liegen? Wann endlich die Pullis? Und wer hatte bitteschön recht damit, dass gestreifte Trikots eine 10/10 sind?

Kommen wir zurück zum Anfang. Es sind in diesem Jahr nicht die Ergebnisse, die uns und unsere Gefühlslage definieren. Es sind die Momente, die persönlichen Geschichten und die Wege, die wir eingeschlagen haben, die es an der Sachsendorfer Straße gerade sehr wohlig daherkommen lassen. Natürlich gibt es auch auf dieser Ebene neben allen Höhen Tiefen, weshalb man nicht müde werden sollte, sich vor Augen zu halten, wie wenig selbstverständlich Blau-Weiß Wermsdorf ist. Mit Demba, der monatelang verletzt für seine Farben alles gegeben hat, Springi, den es wieder arg am Knie erwischt hat und Calle, der weiter für sein Comeback ackert, seien an dieser Stelle exemplarisch nur drei tolle Mitspieler erwähnt, die schmerzlich fehlen.

Wie immer, wenn unsere Spezies aufeinandertreffen, gibt es auch am Fuße der Hubertusburg zwischenmenschliche Herausforderungen. Wenn dann noch die ureigene Dickköpfigkeit – Teil unserer DNA, aber eben auch nicht immer Motor für Fortschritt – hinzukommt, kann es schon mal krachen. Kommuniziert man, geht in den Diskurs und stellt sein eigenes blau-weißes Ego irgendwann dann doch zurück, wären wir zum Glück aber wieder bei der Entwicklung 2025. So ist bei allen Facetten, die das Leben so mit sich bringt, unser kleinster gemeinsamer Nenner schlussendlich ein blau-weißes Herz. Und wenn das so ist, wird dieser kleinste gemeinsame Nenner dann doch noch das ein oder andere Mal zur größten Facette dieses Lebens werden.

Bilder RW/AK

In diesem Sinne legen wir 2025 zu den Akten. Lasst es dort erst einmal ruhen und zu gegebener Zeit wieder herausholen, wenn wir auf der Suche nach dem Anfang einer besonderen Reise sind. Genießt die Feiertage – und keine Sorge, langweilig muss es auch beim Weihnachtsbraten nicht werden. Schon am 27.12. werden die Collmkicker wieder aktiv und reisen nach Torgau zum Hallencup.