Wermsdorfer Wahnsinn reloaded – Hubertusburger triumphieren in Schenkenberg und fahren nach Torgau

SV Concordia Schenkenberg – FSV Blau-Weiß Wermsdorf 2:3 (1:2)

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Zum dritten Mal in dieser Saison traten die Blau-Weißen am Samstag den Gang zu ihrem persönlichen Canossa an und reisten nach Schenkenberg. Vor 314 Fans ging es nahe der Vierzehner-Reihe um nicht weniger als den Einzug ins Endspiel des Bärenpokals. Zahlreiche Hubertusburger machten sich daher auf den Weg, um ihre Farben zu unterstützen, und schufen damit einen tollen Rahmen für die Partie. Die Vereinsführung hatte vorher ausgerufen, die Eintrittskarten für alle zu übernehmen, die die doch nicht unerhebliche Reisedistanz auf sich nahmen. So sollte auch ein Schulterschluss zum vergangenen Jahr vollzogen werden, als der FSV zum Halbfinale ebenfalls in die Fremde pilgerte, die blau-weißen Anhänger dann aber bitterlich vom blutleeren Auftritt ihrer Kicker bei Hartenfels Torgau enttäuscht wurden. Aus jener Erfahrung speist die „Beckebande“ seither Überzeugung und Antrieb. Zeit, die Hypothek aus der Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.

Die Ausgangsbedingungen stellten sich dabei aus FSV-Sicht durchaus prekär dar. Die Concordia liegt in der Tabelle vor den Collmkickern, konnte sich im Ligaheimspiel in der Hinrunde mit 3:1 durchsetzen und zeigte den Gästen damals deutlich ihre Grenzen auf. Ordentlich was wettzumachen also – auch aus Sicht der Jetztzeit fürs blau-weiße Kämpferherz. Trainer Denny Beckedahl musste bei der Mission Finaleinzug kurzfristig auf die verletzten Abwehrspieler Pascal „Waldi“ Weidner und Oscar Kupfer verzichten. Torhüter Robyn Staude hingegen meldete sich erfreulicherweise fit und stand folglich wieder zwischen den Aluminiumstangen. Davor wurden mit Lukas Schulz und Justus Keller zwei eingespielte Innenverteidiger aufgeboten, und mit Florian Grieser wurde die vakante Position der Dreierkette von Wermsdorfs Allzweckwaffe besetzt. Das Zentrum zu organisieren lag in den Händen von Johannes Keller, der sein 100. Pflichtspiel für den FSV feierte. Winterneuzugang Nico Jarchow machte aus der einfachen Sechs eine Doppelsechs, während auf den Flügeln Louis Hoffmann und Tom Zielinski ihre bevorzugten Positionen einnahmen. Das Herzstück der FSV’ler bildeten die offensiven Freigeister Tim Kuhl und Dustin Auerbach im Zusammenspiel mit Matti Lehmann als einziger Spitze. Auf der Bank nahmen nicht nur dank der allzeit einsatzbereiten Oldies einige Optionen für den weiteren Spielverlauf Platz, und dann konnte es endlich losgehen.

Die Gäste legten einen Horrorstart hin. Weil „Griesi“ auf der Außenbahn einen Kontakt eingestand, machte der Schiedsrichter kurzfristig aus einem Einwurf einen Freistoß. Während die Platzbesitzer für eine schnelle Ausführung bereit waren, erwischte die Entscheidung Wermsdorf komplett auf dem falschen Fuß. Über die rechte Seite ging es ohne Gegenwehr Richtung Strafraum, wo „Luki“ auch noch Pech hatte, dass er bei der Hereingabe wegrutschte und so Schenkenbergs völlig verwaist zurückgelassener Schienenspieler leichtes Spiel hatte – 1:0 hinten gegen die beste Defensive der Nordsachsenliga, und keine drei Zeigerumdrehungen waren durch.

Als nur wenige Augenblicke später nach einem Aufbaufehler Schenkenbergs Torjäger vom Dienst vollkommen blank im Strafraum den Abschluss vor sich hatte, gefror dem einen oder anderen Blau-Weißen das Blut in den Adern. Doch der Stürmer zeigte Ladehemmungen, und so konnte FSV-Kapitän Justus Keller mit einer Alles-oder-Nichts-Grätsche für seine Farben retten. Auf der anderen Seite hatte Keller nach einer Ecke den Ausgleich auf dem Fuß, doch die Nummer 8 bekam die flache Hereingabe nicht am gegnerischen Schlussmann vorbeigedrückt. Es blieb rasant, da kurz darauf Robyn Staude einen guten Abschluss aus der zweiten Reihe mit den Fingerspitzen klären musste.

Zehn Minuten waren durch, Wermsdorf hätte schon drei Ostereier im Nest haben können, und die blau-weißen „Löffel“ erinnerten sich nun, was sie kurz zuvor in der Kabine mit auf den Weg bekommen hatten. Wohl dem, der Sportfreunde hat, die aus freien Stücken eine Ansprache halten, deren Gewicht und Bedeutung kaum in Worte zu fassen ist. Die Collmkicker schüttelten die Anfangsnervosität aus den Beinen, bekamen die mitgegebene Emotionalität sortiert und wurden sich der Tragweite des ostelbischen Appells gewahr. Angetrieben von einer hochemotionalen Bank, wo manch Stimmband schon die erste Ausfallerscheinung zeigte, griff die blau-weiße DNA um sich. Die Offensivreihe arbeitete sich in jeden Ball hinein und stresste Schenkenbergs Hintermannschaft, egal wie verloren die Situation schien. Die FSV-Defensive bekam die Abstände geregelt und begann, den Plan für den Spielaufbau umzusetzen. Erste Torannäherungen meldete die Beckebande offiziell an, ehe die Rückkehr der Unbrechbaren nach 18 Zeigerumdrehungen fix wurde. Wermsdorf blieb im Spielaufbau flach und fand von hinten mit Griesi den Schnittstellenball. Der Steckpass ging durch bis in die Spitze, wo „Aui“ den Laufweg mit aller Entschlossenheit durchzog und seine PS abrief.

Im Eins-gegen-eins blieb der Keksliebhaber griffig wie die Ummantelung der Oreos und schob abgeklärt zum Ausgleich ein.

Die Atmosphäre war angeheizt und die „Moorbirne“ brannte. Dustin hatte seine Füße wieder im Spiel, als es in der 25. Spielminute zum endgültigen Momentum-Shift kam. Wieder ging es von hinten heraus linienbrechend durchs Zentrum, wo Wermsdorfs Nummer 9 das Kunstleder richtig scharf machte und auf links verlängerte.

Dort startete Louis ein, der sich in der Sächsischen Schweiz in der Vorwoche schon mal angeschaut hatte, wie so ein Malerweg auszusehen hat. Also pinselte sich „El Mala“ nun seine eigene Wanderstrecke ins Grün und umkreiste Freund und Feind zielsicher wie seine Schüler die Hauptstädte dieser Welt im Topografie-LK. Mit dem Abkapp-Weltrekord wurde es diesmal nichts, da das Abschlussfenster nur einen Rebound benötigte, um auch für Louis ersichtlich zu werden, und so zog der 12er am gegnerischen Schlussmann vorbei und netzte aus spitzem Winkel ein.

Das Spiel war gedreht und die Beckebande in gänzlicher blau-weißer Euphorie. Es folgten zehn Minuten Feldüberlegenheit der Gäste. Erneut Louis, der aber geblockt wurde, Matti, dessen Direktabnahme nur knapp über den Querbalken ging, und Tim, der nach erfolgreichem Ballklau nicht mehr zum Abschluss kam, verpassten jedoch den Führungsausbau. So kippte das Geschehen mit ablaufender Spieluhr des ersten Durchgangs wieder etwas. Die Collmkicker mussten dem Kraftakt Tribut zollen und wirkten vor allem bei zweiten Bällen nicht mehr frisch genug.

Schenkenberg erhielt wieder mehr Platz, konnte daraus aber kein Kapital schlagen, da sich die FSV-Hintermannschaft in alles warf, was kam, und diese Phase gemeinsam bestand. Mit einer Führung, die nach dem Katastrophenstart das blau-weiße Kämpferherz bezeugte, ging es in die Kabinen. Gleichwohl hatte die Wermsdorfer Defensive damit auch 45 Minuten Diffamierungen gegen alle Minderheiten unserer Erde hinter sich gebracht, durfte raus aus dem Grillrauch und den nicht weniger anrüchigen Ausdünstungen so manchen Mundwerks von hinter der Grundlinie und bekam hierzu sogar Zuspruch vom Unparteiischen. Ein Sportplatz ist kein rechtsfreier Raum, wo jeder den Frust über eigene Unzulänglichkeiten am erstbesten Rasenschachspieler abladen kann. Daher sei an dieser Stelle exemplarisch Zeitgenosse U. herzlichst gegrüßt – in der Hoffnung, dass der Osterhase ein paar Eier zum Kraulen vorbeigebracht hat, um sein innigstes Verlangen befriedigen zu können. Jeder wie er möchte, es lebe die Vielfalt!

Die eigene Wertfestigkeit und moralische Vorstellung manifestierte die Beckebande in der Halbzeit noch einmal und fackelte sie zu Beginn des zweiten Durchgangs direkt auf die Wiese. Den schönsten Angriff des Tages fuhr Dustin in der 54. Spielminute ab, als er das Spielgerät im Zentrum verarbeitete und wunderbar auf „Timi“ durchsteckte. Der nahm technisch sauber an und veredelte durch die Hosenträger des Schlussmanns zum perfekten Restart.

Wermsdorf war diesmal also direkt auf Betriebstemperatur und kurze Zeit später auch noch in Überzahl, als es für Schenkenberg die Ampelkarte gab. Zur Stundengrenze schien das Halbfinale also in Richtung Hubertusburg abzubiegen. Trainer Beckedahl und seine Co-Trainer Fiedler und Lüderßen zogen ihre Wechseloptionen, um die Entscheidung zu forcieren, doch die Umstellungen fruchteten nur bedingt und Wermsdorf verpasste die Entscheidung. So blieb Schenkenberg am Leben und versuchte mit langen Bällen den Anschluss zu erzwingen.

Die FSV’ler blieben hinten aber sattelfest und erwehrten sich bis tief in die Nachspielzeit des gegnerischen Drucks. Ein schlecht verteidigter Eckball brachte Schenkenberg in der dritten Minute der Nachspielzeit aber tatsächlich noch einmal auf die Anzeigetafel.

Das Drama schien schließlich zur Eruption anzuheben, als es sich für die Blau-Weißen rächte, dass man dienstags parallel zu den Volleyballern trainiert. Denn Jann Lingel, der bis dato überragend verteidigt hatte, stieg vor dem eigenen Sechzehner in feinster Blockmanier nach oben, schraubte sich in den zweiten Stock und legte einen ansehnlichen Angriffsschlag hin. Der Schiedsrichter hielt allerdings nichts vom fächerverbindenden Unterricht, sanktioniert die künstlerische Inszenierung mit einer Gelben Karte und einem Freistoß aus 17 Metern zentraler Position.

Robyn Staude flog vergeblich Richtung Kreuzeck, wo das Kunstleder vom Wind beängstigend nah hingedrückt wurde, doch schließlich zappelte nur das Fangnetz. Eine letzte Minute lief noch einmal drei Zeigerumdrehungen lang, und dann durften die Hubertusburger den Platz stürmen.

Egal ob Mann es Mädchenfußball oder wie auch immer nennt: Am Ende zählen die Tore, und dank dieser setzten sich die Collmkicker letztlich verdient durch und ziehen damit ins Torgauer Endspiel ein. Die Gänsehaut springt beim Gedanken ans leicht angenässte Grün, Flutlicht, frischen Rasengeruch und Bratwurstduft samt Champions-League-Hymne schon fast aus dem Körper. Doch erst mal genießt der FSV noch den Abend und erfährt, dass Wermsdorfer Nächte durchaus lang sind. Erst fing’s nach drei Minuten ganz langsam an, aber dann …

Jetzt gilt es in den kommenden Wochen die Form und den schon vorm Anpfiff transportierten Mannschaftsgeist aufrecht zu erhalten und in intensiver Trainingsarbeit daran zu arbeiten sich weiter zu steigern, um dann am 13.05. im größten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte dem Favoriten aus Delitzsch unterm Fluchtlicht zu zeigen, wozu unser kleiner Dorfverein fähig ist. In dem Sinne, schauen wir mal, was wird.

Empfang unseres Mannschaftsbusses am Hafenstadion vor dem Finale gegen Torgau anno 2020/Bilder RW