FSV Blau-Weiß Wermsdorf - Einschätzung der Rückrunde von Justus Keller

Als Ben Wogawa am 8.12. das blau-weiße Fußballjahr 2018 gegen kurz vor Viertel Vier abpfeift, schleichen die Kupferlinge als begossene Pudel vom Feld. Die Hinrunde der Spielzeit 18/19 haben die Hubertusburger soeben mit einem peinlichen 1:2 Heimdebakel gegen Tabellenschlusslicht Beilrode beschlossen, somit einen gelungen Abschluss der an sich vielversprechenden Halbserie vermasselt und den Sprung auf Platz drei der Nordsachsenliga verpasst. Ein gute halbes Jahr später, am 22.6.2019  erklärt wiederrum Sascha Haupt in Beilrode die Wermsdorfer Saison für beendet, begossene Pudel sind die Wermsdorfer nun nur noch des ein oder anderen überschäumenden Kaltgetränks. Hinter der Mannschaft um Trainer Dierk Kupfer liegen ereignisreiche und emotionale Wochen, in denen sich der FSV wie im Vorjahr letztlich zum Altkreismeister und Tabellendritten der Nordsachsenliga krönen konnte. Eine kleine Aufarbeitung der blau-weißen Rückrunde der abgelaufenen Saison.

Den Auftakt ins Spieljahr 2019 bestreiten die Hubertusburger zunächst durchaus erfolgreich mit diversen Hallenturnierteilnahmen. Allen voran auf dem Oschatzer und Radefelder Parkett wird dem Budenzauber hingebungsvoll gefrönt – die teamintern Mission 24 Stunden-2 Titel gelingt meisterhaft und findet ihre absolute Veredelung in den anschließenden Feierlichkeiten bei Grieche Santorini.

Selbstvertrauen wird ausreichend getankt, in harter Trainingsarbeit und bei einigen Testspielen wird die nötige Matchfitness für eine erfolgreiche Rückrunde gelegt. Unvergessen bleibt dabei der blau-weiße Auftritt in Canitz, wo dank vorabendlicher intensiver Spielvorbereitung breite Mannschaftsteile noch übernächtig sind und es in der Folge einen gewissen Außenverteidiger, eigentlich als Laufwunder bekannt, so dermaßen überfordert beim Lauf ABC der Erwärmung Schritt zu halten, dass der Stehversuch schließlich von einer Landung auf der Nase abgelöst wird.
Wieder nüchtern, klar im Kopf und vollumfänglich fokussiert steht wenige Wochen später die erste echte Beweisprobe für das Kupfer-Team auf dem Programm. Zum Auftakt der zweiten Halbserie empfängt man an der heimischen Sachsendorfer Straße den SV Zwochau. Stürmer Pascal Weidner, in der Hinrunde verletzungsbedingt noch schmerzlich vermisst, feiert sein Comeback und beweist abermals seine große Rückkehrermoral, schießt seine Farben umgehend per Doppelpack zum Heimsieg. Der erfolgreiche Startschuss zur Jagd um Platz drei ist also geblasen, das enge Verfolgerfeld auf Mügeln-Ablass bringt sich in Stellung. Die Blau-Weißen dabei direkt mit der Gelegenheit zum Vorbeiziehen, es geht zum Derby ins Obstland. Der amtierende Altkreismeister erlebt beim Rivalen jedoch einen herben Rückschlag, steht nach munter vergebenem Scheibenschießen am Ende eines verrückten Spiels mit leeren Händen da. Zeit zum Trübsal blasen bleibt aber nicht, zu wichtig die nächste Aufgabe, das zweite aufeinanderfolgende Derby, nun daheim gegen Wacker Dahlen.

Wermsdorf will die Antwort auf das abhanden gegangene Zielwasser der Vorwoche geben, hat jedoch aufgrund von Verletzungen und Sperren einige zentrale Positionen des kupferschen Systems neu zu besetzten. Keine Ausrede dafür, dass Platzbesitzer nie so rechten Zugang zum Spiel finden und sich schließlich noch einen Punkt trotz 2:0 Führung abknüpfen lassen. Bei aller Rivalität muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass der Gegner mit seiner Mentalität und dem Glauben an die eigene Chance Eindruck hinterlässt, gleichzeitig eine blau-weiße Reaktion provoziert. Die Hubertusburger also vor richtungsweisenden Partien und die kollektive Einstellung avanciert zu einem „Jetzt erst recht!“-Gefühl, schweißt zusammen was ohnehin kaum trennbar ist. Dank günstiger Ergebnisse der Konkurrenten, die sich gegenseitig die Punkte wegnehmen, bleibt der FSV zudem weiter dick im Rennen um den Bronzeplatz, muss nur die eigenen Stärken in Zählbares ummünzen.

Am 17. Spieltag gelingt dies vom Ergebnis her ganz ansehnlich, die gut in die Rückrunde gestarteten formstarken Naundorfer werden in der Fremde souverän mit 3:1 bezwungen. Zuschauer durften jedoch abermals eine ganze Palette an blau-weißem Slapstick vor dem gegnerischen Gehäuse bestaunen, absolutes Highlight dabei gleich zwei vergebene Möglichkeiten vor verwaistem Tor. Nichts desto trotz gelingt dank der drei Punkte der Sprung auf den anvisierten dritten Platz, den sich die Hubertusburger hart erarbeiten mussten und nun nicht mehr hergeben wollen. Notiz am Rande: Der Auftritt in Naundorf außerdem ein denkwürdiges Spiel. Altmeister und Kreisligalegende Martin Scholz springt in der Personalnot ein, kommt unverhofft in der späten Blüte seiner Karriere noch zu einigen Nordsachsenligaminuten. Glücklicherweise keine Scouts da, die möglicherweise auf den Wirbelwind hätten aufmerksam werden können, als der mit seinem ersten Ballkontakt kurz vor Ladenschluss zum gefürchteten Tempodribbling, einer der Szenen der Saison, ansetzt. Mit einem ungefährdeten Heimsieg über die Krostitzer Reserve und einem Last-Minute Ausgleich in Bad Düben erzwingen die Blau-Weißen zum 20. Spieltag vor heimischer Kulisse das Spitzenspiel gegen Süptitz, indem es tatsächlich um die Vizemeisterschaft gehen könnte. Die Platzbesitzer spielen beflügelt auf, arbeiten ihre Art von Fußball und bezahlen letztlich mächtig Lehrgeld. Blind rennt man ohne Not in Konter, verliert im zweiten Durchgang die Ordnung und muss nach dem 2:4 jegliche Träume von Silber vorerst begraben. Gedanken von eigenem Hochmut oder fehlender Klasse kreisen durch die Köpfe, das Team hält im wohl dunkelsten Moment der Saison als Einheit zusammen. Das kommende Aufeinandertreffen mit Verfolger Zschortau wird so zum nun richtungsweisenden Spiel um Platz drei, birgt außerdem die Chance zur direkten Wiedergutmachung der Süptitzfehler. Am Ende der Selbsttherapie steht ein komfortabler 6:2 Sieg, das Licht ist zurück. Dem Ausrufezeichen im Topspiel zum Dank gibt es somit bei Meister und Aufsteiger Delitzsch nichts zu verlieren, große Vorfreude und Motivation im blau-weißen Lager. Der Ligaprimus will die Hinspielniederlage wettmachen, hat aber wieder seine lieben Mühen mit dem Kampfhaufen. 90 intensive Minuten bei hochsommerlichen Temperaturen und zwei Standardgegentore später steht der FSV zwar ohne Zählbares da, die Möglichkeiten auf einen positiveren Ausgang hat man sich allerdings zahlreich erarbeitet. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass man mithalten kann aber eben noch viel Luft nach oben ist.

Glücklicherweise spenden Mügeln und Zschortau Trost, spielen idealerweise Unentschieden gegeneinander und lassen Blau-Weiß auf dem dritten Platz verweilen. Das Feld der Verfolger nun also zusammengerückt und im Nacken, weiß man an der Sachsendorfer Straße um die Brisanz der heißen Saisonschlussphase. Im Arbeitssieg gegen Schildau läuft fußballerisch wenig, Einsatz und Leidenschaft bringen den so wichtigen Dreier. Wichtiger Schritt hin zum Dauerpodestanwärter, auch solche dreckigen Siege gehören dazu, finden sich sonst aber eigentlich eher nicht im blau-weißen Portfolio. Es wird ersichtlich, dass die Mannschaft schon aus Fehlern der Spielzeit gelernt hat und weitere Schritte in die richtige Richtung geht. In dieses Bild passt die Begegnung in Schenkenberg. Die eigentlich durschlagend formstarke Heimelf wird mit 5:0 vom eigenen Geläuf gefegt, die FSV’ler behalten in einer schwierigen Anfangsphase die Ruhe und den Glauben im Wissen an die eigenen Stärken.

So kommt es am vorletzten Spieltag zum Alles oder Nichts Spiel mit den viertplatzierten SV Hartenfels Torgau. Die Hubertusburger mit der Sachsendorfer Straße im Rücken erwischen den wohl emotionalsten Tag der jüngeren Vereinsgeschichte, bringen alle Facetten der eigenen DNA aufs Grün. Man bestimmt das Geschehen über weite Teile der ersten Hälfte, ballert die Torchancen aber mal wieder übers Fangnetz Richtung Luppa und liegt so im zweiten Durchgang plötzlich mit 1:3 zurück. Was folgt ist ein bisschen Hollywood, in der Hauptrolle Sebastian „Resi“ Freiberg. Der blau-weiße Leuchtturm belohnt sich für wunderbare Jahre als Vorbild auf und neben dem Platz, schießt seine Farben mit einem Doppelpack vom Punkt zurück ins Rennen um die virtuelle Bronzemedaille. Glaube als Stichwort und die Hubertusburg wackelt bedenklich, als Dodo Arendt dann in der Schlussphase tatsächlich noch zum 4:3 einschiebt und so den blau-weißen Altkreismeister T-Shirtdruck in Auftrag gehen lässt. Die Erfolgswiederholung machen die Kupferschützlinge schließlich am bereits erwähnten abschließenden Auftritt der Spielzeit beim Absteiger in Beilrode fix. Arendt katapultiert sich beim 2:5 Sieg mit vier eigenen Torerfolgen noch auf Platz sechs der Torjägerliste, „Resi“ wird mit Spalier in den Ruhestand verabschiedet.

Die ein oder andere Träne ist dabei, entgegen allen Zweiflern und Kritiken gehen Trainer Dierk Kupfer im Verbund mit Co-Trainer Ralph Horbas und ihrer Mannschaft den einzigartigen blau-weißen Weg weiter. Nach insgesamt 26 verschwitzen 90-Zeigerumdrehungen steht für den FSV eine feierwürdige Bilanz zu Buche. Die Sensation des Vorjahres wird nicht minder überraschend bestätigt. Man macht es sich langsam so richtig gemütlich in der Spitzengruppe der Liga, die Rolle als bestes Team der Region nimmt man auch ganz gerne an. 47 Punkte bei einem Torverhältnis von 62 zu 45 sprechen ihre eigene Sprache und belegen den steilen Aufstieg der Hubertusburger in den letzten Jahren statistisch mit Nachdruck. Konstanz und Zusammenhalt sind die Schlüssel zum Wermsdorfer Erfolg. Beide Schlagwörter beginnen auf der Trainerbank, wo Dierk Kupfer für seine Schützlinge einsteht und eine mitunter nicht leicht zu bremsende Truppe als Vater des Erfolgs anführt. Kaum übertrieben, dass jeder im Team für den Coach durchs Feuer gehen würde. Was der ehemalige Kapitän und Spieler am Fuß der Hubertusburg vorlebt, dem steht sein Nachfolger auf dem Rasen in nichts nach. Torhüter, Ente und Spielführer Benjamin Schönitz geht in der Rolle als Rückhalt der jungen Wilden vor ihm voll auf und spielte eine Saison mit einigen Paraden vom Prädikat „weltklasse“.

Davor findet sich eine an ihren Aufgaben gewachsene Achse an Stammkräften, durchzogen von unterschiedlichen Stärken. So tragen laufstarke Kämpfer wie Außenverteidiger Dominik Weidner, der in allen 26 Begegnungen in der Anfangsformation stand, das intensive blau-weiße Spiel. Sebastian Körner und allen voran der gesetzte Florian Böttger bewiesen in der abgelaufenen Runde mehrmals die Qualität als Unterschiedspieler und können Spiele entscheiden. Um das gelingen zu lassen hat Kupfer in Libero Denny Beckedahl und Nebenmann Robby Staude zwei erfahrene Füchse in seiner Hintermannschaft, die die nötige Absicherung und Übersicht bringen und immer wieder auch auf der anderen Seite des Feldes Gefahr ausstrahlten. Eine ganze Reihe weiterer Spieler wie Flügelbearbeiter Jakob Jülich oder Nachwuchsspieler Tim Böhm bestätigen den Eindruck vom kollektiven Schritt nach vorn.

Insgesamt 26 Spieler wurden im Saisonverlauf eingesetzt. Dauerbrenner war Dominik Weidner mit 26 Spielen, gefolgt von Benjamin Schönitz und Sebastian Körner (jeweils 25). 11 Spieler konnten sich in die Torschützenliste eintragen. Dominic Arendt bereitete 12 Tore vor, gefolgt von Florian Böttger (11) und Sebastian Körner (10).

Die Blau-Weißen hatten den höchsten Zuschauerzuspruch in der Nordsachsenliga. Insgesamt besuchten 1309 Zuschauer die Spiele an der Sachsendorfer Straße - das sind im Schnitt pro Spiel 100 - herzlichen Dank an die Wermsdorfer Zuschauer für die Unterstützung.

Die gute Arbeit an der Sachsendorfer Straße ist nicht nur ein überzogenes Selbstbild, findet auch über die eigene Dorfgrenze hinaus Wertschätzung, was gleich vier blau-weiße Kicker (Beckedahl, Körner, Keller, Arendt) in der von der Website FuPa aus Daten der Saison zusammengestellten Nordsachsenliga Elf des Jahres eindrucksvoll bestätigen.
Für den FSV sind die Erfolge der Vergangenheit ab dieser Woche aber erstmal wieder zweitrangig und lediglich Ansporn für harte Trainingsarbeit, die am Dienstag wieder aufgenommen wird. Die Karten der Liga wurden im Sommer kräftig neu gemischt, das Feld tonangebender Mannschaften kommt dabei scheinbar so breit wie nie daher. Viele potenzielle Anwärter von den Süptitzupgegradeten Torgauern, über Dahlen, das gerne zwei Rückrunden spielen würde bis hin zu den defensiv starken und von der Spielanlage überzeugenden Bad Dübenern, schielen auf den Meistertitel, Aufstiegsplatz und die Spitze der Liga und versprechen verheißungsvolle und packende Duelle. Das Wermsdorfer Kollektiv wurde dabei um Baustein Patrick Kupfer ergänzt, der sich und seinem Onkel Nordsachsenligatauglichkeit beweisen will und eine durch Freibergs Karriereende erzwungene Systemveränderung mittragen kann. Wie im Vorjahr gilt für die Hubertusburger wieder, dass man nichts geschenkt bekommen wird und Erfolge noch lange nicht automatisch die nächsten bringen.

Es ist eine ereignisreiche Zeit auf die Blau-Weiß stolz zurückblicken kann, doch noch liegt ein ganzes Stück des Weges vor dem Verein.

Bilder RW und AK