Hubertusburger Rückblick - die Jahre 1996-97

Der Wermsdorfer Fußball blickt auf eine lange Tradition zurück. 2018 wollen wir gemeinsam 90 Jahre Fußball feiern. Dazu bringen wir in loser Folge Erinnerungen aus unserem Archiv. Im Sommer 1996 übernahm Wolfgang Müller das Training der 1. Männermannschaft. Während seiner aktiven Zeit war er Oberligaspieler der BSG Stahl Riesa. Danach Trainer in der höchsten Liga der DDR bei Stahl Riesa, Chemie Böhlen, Lok und Chemie Leipzig. Ein absoluter Fußballfachmann, der leider in der DDR durch seine unangepasste Art vom zentral gelenkten Sportsystem ausgebremst wurde. Dazu gibt’s die Bilder unserer 1. Männermannschaft, sowie der E und D-Junioren und dem Fußballfest im Mai 1997, als etwa 1000 Zuschauer Bundesligaluft schnupperten.

Die DDR erwartete von ihren „Funktionsträgern“, vom Betriebsleiter bis zum Vorsitzenden eines Kleingartenvereins, Gefolgschaft oder zu mindestens Anpassung. Die Anpassung an die herrschende SED-Führung verlangte auch den an sich unpolitischen Sportvereinen und –verbänden einiges ab. Die kontinuierliche Lobhudelei auf die Führung des Staates zog sich bis ins Ansetzungsheft der Oschatzer Fußballer aus dem Spieljahr 1978/79.

Sogenannte „Linientreue“ zur Staatspartei SED stand oft vor fachlicher Kompetenz. Wolfgang Müller war in der DDR nicht bereit, sich zu verbiegen und hatte trotz aller Rückschläge ein erfolgreiches Trainerleben. Hier sein Lebenslauf:

Wolfgang Müller (* 3. August 1935 in Wildenow/Neumark; † 25. Februar 2013 in Wermsdorf) war Fußballspieler und Fußballtrainer in der DDR. In der höchsten Spielklasse der DDR, der Oberliga, trainierte er Chemie Böhlen und Chemie Leipzig. Als Fußballspieler begann er bei der BSG Fortschritt im thüringischen Hirschberg und wechselte von dort im Alter von 20 Jahren 1956 zur BSG Fortschritt Weida. In Weida spielte er ein Jahr in der viertklassigen Bezirksliga Gera. Ab 1957 war Wolfgang elf Jahre Spieler bei der BSG Stahl Riesa, sowohl in der DDR-Liga, als auch in der Oberliga. Mit dem Aufstieg in die Oberliga 1969 wurde Wolfgang hauptamtlicher Nachwuchstrainerbei Stahl Riesa. Er hatte die Aufgabe, eine Junioren-Oberliga-Mannschaft aufzubauen, die ab dem Spieljahr 1969/70 die Vorspiele der 1. Mannschaft bestritt. Diese neu zusammengestellte „Truppe“ war so erfolgreich, dass sie in diesem Spieljahr den „Junge Welt-Pokal“ gewann. Bekanntester Spieler dieser Mannschaft war Lothar Kurbjuweit. In der Saison 1972/73 übernahm Wolfgang das Training der 1. Männermannschaft von Stahl Riesa, die er innerhalb eines Jahres zum Aufstieg in die Oberliga führte. Von 1973 bis 1975 war er Nachwuchstrainer bei der BSG Chemie Leipzig. Zu Beginn der Saison 1975/76 wurde er Trainer der 1. Mannschaft der BSG Chemie Böhlen. Mit ihr begann er in der DDR-Liga und schaffte zwei Jahre später 1977 den Aufstieg in die höchste Spielklasse der DDR (Oberliga). Im Aufstiegsjahr gelang es Wolfgang, mit der Böhlener Mannschaft die Klasse zu halten. Nach der 1. Halbserie des Spieljahres 1978/79 gab es Unstimmigkeiten mit der SED-Bezirksleitung, auf Grund von Entscheidungen im sportlichen Bereich, die Wolfgang nicht akzeptieren wollte. Er stand ohnehin besonders unter Beobachtung, da er nicht Mitglied der SED war und dies trotz Agitation immer abgelehnt hat. Somit wurde er seiner „besonderen Verantwortung in allen Bereichen Vorbild zu sein“ nicht gerecht. Es wurde festgelegt, dass er keine Oberliga-Mannschaft trainieren sollte und entschieden, dass er im Bezirk Leipzig keine 1. Mannschaft und überhaupt bei keinen Club (nur in BSG`s) arbeiten darf. Nach den ersten Spielen der 2. Halbserie war Wolfgang bis zum Ende der Saison krank (geplante OP) und danach wechselte er zum direkten Liga-Konkurrenten BSG Stahl Thale. Die gerade aufgestiegene Mannschaft betreute er über drei Spielzeiten und sicherte der Mannschaft stets einen Mittelfeldplatz. Im November 1981 übernahm er wieder die 1. Mannschaft von Chemie Leipzig, die vor zwei Jahren aus der Oberliga abgestiegen war. In einer Nacht- und Nebelaktion, an der nur eine Hand voll eingeweihter Personen beteiligt waren wurde der Vertrag unterzeichnet und sofort die Presse informiert. Nachdem die Verpflichtung Mitte November in der LVZ stand, konnte dieser Coup nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dies war für alle Beteiligten eine durchaus gewagte Aktion, da immer noch das Arbeitsverbot für den Bezirk Leipzig (im Übrigen auch für Dresden und Cottbus, wo Müller ebenfalls im Gespräch war) bestand. Es gelang Wolfgang, die Mannschaft binnen einen Jahres wieder in die Oberliga zurückzuführen. Im November 1983 erlitt Wolfgang während des Spieles zwischen Chemie Leipzig und Stahl Riesa einen schweren Herzanfall, der das Ende seiner Tätigkeit als Oberligatrainer war. Sein Nachfolger bei Chemie Leipzig wurde Gerd Struppert. Während der Saison 1986/87 übernahm er nochmals übergangsweise für einige Monate das Traineramt bei Chemie Leipzig um den Klassenerhalt zu sichern, bis ein neuer geeigneter Trainer gefunden war. 1989 arbeitete er beim im Fußball-Bezirksvorstand und dann als Geschäftsführer im Sächsischen Fußballverband. 1991 bis 1993 war er Landestrainer der U21,  später beim VfB Leipzig Trainer der Amateur-Mannschaft, mit der er 1996 Landespokalsieger wurde.

1996 zog er von Leipzig nach Wermsdorf, welches er aus familiären Gründen als seinen „Alters(un)ruhesitz“ erkoren hatte. 1996/97 trainierte er die 1. Mannschaft des FSV Blau-Weiß Wermsdorf. In dieser Zeit wurden die Trainingsbedingungen in der Sachsendorfer Straße maßgeblich verbessert, z.B. durch den Bau eines Trainingsplatzes mit Flutlichtanlage. Durch seine Kontakte kam 1997 es zu Höhepunkten wie z.B. zwei Spiele der Bundesligareserverunde, bei denen der VfB Leipzig gegen die Reserve von Arminia Bielefeld und St. Pauli in Wermsdorf antraten.

Archiv KW/AK